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Vorwort

"Lassen Sie sich ein auf die Begegnung mit dem Namenspatron unserer Stiftung, mit dem Pastor, liberalen Parteiengründer und sächsischen Sozialreformer .."

Vorwort der Stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, Professor Dr. Elke Mehnert, zur Publikation "Das Leben und Werk Friedrich Naumanns 1860-1919" (2001)

In der Störmthaler Chronik steht geschrieben, dass Friedrich Naumann der "wohl berühmteste Bürger" dieses sächsischen Dorfes sei. Gar zu groß wird die Konkurrenz nicht sein - denn für 1875 verzeichnen die Dorfannalen 481 Einwohner in 78 Häusern. Etwa zwei Drittel der Bevölkerung zählten zu den Häuslern und "Hausgenossen". So waren es wohl vorwiegend Kinder aus bescheidenen Verhältnissen, mit denen Friedrich Naumann seine ersten Lebensjahre in der sächsischen Provinz verbracht hat.

Sie mögen sich in ihrem sozialen Status nur wenig von den Langenbergern unterschieden haben, deren Gemeindehirte der junge Pastor Naumann zwischen 1886 und 1890 war. Ihnen hat er in Luther'scher Weise aufs Maul geschaut - aber nicht nach dem Munde geredet.

Das blieb so, als Naumann 1897 die Kanzel gegen ein säkulares Rednerpult tauschte. In Schriften, Reden und Vereinstätigkeit findet man den Wechsel des Wirkungsfeldes lange vorbereitet: Naumann hatte während seiner Gemeindearbeit unter sächsischen Industriearbeitern und der Tätigkeit für die Innere Mission zweierlei begriffen: erstens das unaufhaltsame Fortschreiten des Maschinenzeitalters und zweitens die Gefahr, dass nicht nur die Industrie, sondern auch der Staat mit allen seinen Institutionen den Menschen zum Rädchen und Schräubchen in seinem Getriebe degradierte: "Im Zeitalter der Maschine haben sich die Menschen angewöhnt, alles als Maschine anzusehen", schreibt er 1894 und zugleich: "Gott will den technischen Fortschritt, er will die Maschine."
Die Lösung des Problems konnte nach Naumanns Auffassung nur durch eine Synthese von Liberalismus und Protestantismus herbeigeführt werden. Der religiöse Liberalismus sei nicht nur für die Aufnahme der naturwissenschaftlichen, geschichtlichen und philosophischen Erkenntnisse in den "christlichen Glauben der Volksgemeinschaft", sondern er vertraue auch dem Wert jedes Einzelmenschen für den Menschheitsfortschritt und vertrete darum das Recht der Persönlichkeiten. Für Naumann sind freilich staatsbürgerliche Rechte auch immer mit der Wahrnehmung staatsbürgerlicher Pflichten verbunden, und er warnt: "Ein Volk, das seine Politik nicht ernst nimmt, verdient, dass ihm eine schlechte Politik gemacht wird. Glaubt man, dass ein Volk, dem Politik zur Nebensache und zum Geschwätz geworden ist, große politische Köpfe aus sich erzeugen und unterstützen kann?" Alle mit politischer Bildung in diesem Land Befassten könnten Naumanns emphatischen Appell heute ohne weiteres als den ihren ausgeben:

Über ein Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung kennt eine Null-Bock-Generation interessantere Themen als politische Institutionen und Parteiprogramme. Und die Älteren? Sie sitzen im Fernsehsessel und zensieren, bezichtigen Politiker der Unfähigkeit, Geldgier, Unredlichkeit, Trägheit und welcher Sünden noch - der Schiedsrichterplatz ist allemal sicherer als jener in der Arena!

Friedrich Naumann ist im Faktischen zum Teil von der Geschichte widerlegt worden - nicht aber im Grundsätzlichen - in der Begründung politischen Alltagshandelns in einem weiträumigen Gesellschaftsbild und in der Auffassung vom Staatsbürger als Subjekt der Politik.

Als die Stiftung ihren 40. Gründungstag beging, gab der damalige Bundespräsident Roman Herzog in seiner Festrede zu bedenken, dass der Konsens zwischen Staat und Bürger sich nicht gleichsam naturgesetzlich herstelle, sondern eine "immer neu zu verhandelnde Beziehung" sei, die gelernt werden müsse. Er bezog sich damit auf das Anliegen der "Staatsbürgerschule", einer Einrichtung für politische Erwachsenenbildung, die Naumann im Sommer 1918 gegründet hatte. In seiner letzten öffentlichen Rede hat Naumann deren Ziele noch einmal auf den Punkt gebracht: "Wenn wir Republikaner sein wollen, müssen wir ein anderes Bildungsideal haben als bisher. Vom Untertanen verlangt man keine Staatskenntnisse, aber vom Bürger. Der Untertan zahlt Steuern, gehorcht und spielt Klavier oder Skat, der Bürger braucht noch etwas mehr."

Dieses Staatsbürgerideal versucht die Stiftung für liberale Politik unter wechselnden politischen und materiellen Auspizien zu kommunizieren. Sie wäre eine schlechte Nachlassverwalterin, suchte sie nur den Dialog mit Menschen, die schon liberale Grundüberzeugungen besitzen. Allen politisch Interessierten vermittelt die Naumann-Stiftung Wissen und praktisch-politische Erfahrungen - und vor allem macht sie Mut, sich für eine liberale Bürgergesellschaft zu engagieren.

Engagement braucht auch Vorbilder. Friedrich Naumann kann ein solches Vorbild sein - nicht, weil er in jeder Beziehung nur Vorbildliches getan und gesagt hätte, sondern weil er als Mensch in all seiner Widersprüchlichkeit vor uns steht - kein Held auf gusseisernem Denkmalssockel.

Lassen Sie sich ein auf die Begegnung mit dem Namenspatron unserer Stiftung, mit dem Pastor, liberalen Parteiengründer und sächsischen Sozialreformer.

Professor Dr. Elke Mehnert
Stellvertretende Vorstandsvorsitzende
der Friedrich-Naumann-Stiftung

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